Julia De Bierre




Julia de Bierre, Autorin, Kuratorin und Konservatorin für Kulturerbe, wurde in Malaysia geboren und studierte in Penang sowie in Bristol.

Als leidenschaftliche Kennerin Frankreichs – seiner Geschichte, Literatur, dekorativen Künste und seiner Gastronomie – publiziert sie regelmäßig in Fachzeitschriften.

Julia lebt zwischen Arles und George Town, zwei UNESCO-Weltkulturerben, und vertritt eine Vision, die Denkmalpflege, Lebensart und ökologische Verantwortung miteinander verbindet. Als Gründerin von Maison & Galerie Huit Arles empfängt sie dort internationale Gäste in einem Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert, das sie in einen Ort der Begegnung zwischen Geschichte, zeitgenössischer Kunst und Gastfreundschaft verwandelt hat. Die Besonderheit dieses Hauses liegt darin, dass man hier tatsächlich inmitten der Kunstwerke lebt – jeder Raum ist von ihrem anspruchsvollen Blick als Konservatorin geprägt und von der Wärme ihrer Persönlichkeit durchdrungen.

Im Jahr 2017 wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Arles ernannt. 2024 erhielt sie die Auszeichnung als Chevalière de l’Ordre des Arts et des Lettres und damit eine Würdigung ihres Engagements für das kulturelle Leben in Arles.







Yves Delorme : „Sie haben in zwei UNESCO-Weltkulturerben gelebt und gearbeitet: in Arles und in George Town, beide reich an Geschichte, Kultur und künstlerischen Einflüssen.
Wie haben diese beiden unterschiedlichen Umfelder Ihre künstlerische Vision und Ihre kuratorische Arbeit in der Galerie Huit geprägt?“


Meine Kindheit in der multiethnischen Stadt George Town, einem der kulturell vielfältigsten Reiseziele Südostasiens, ist vermutlich der Schlüssel zu dem, was ich meine hybride Ästhetik nenne. Es ist eine ehemalige Hafenstadt, in der Indien auf China und den malaiischen Archipel trifft und die zudem eine bedeutende Rolle im ehemaligen Britischen Empire spielte. Dieses vielfältige Erbe spiegelt sich beispielsweise in der Architektur, in der außergewöhnlichen Gastronomie und natürlich in malaysischen Textilien wie Songket und Batik wider – mit Mustern und Farbkombinationen, die theoretisch nicht funktionieren dürften, in der Realität jedoch spektakulär sind.

In Arles hingegen ist der Umgang mit Geschichte und Kunst deutlich strukturierter. Die Stadt verfügt über Jahrhunderte gewachsene Museumstraditionen und ein klares Bewusstsein für ihre historischen Schichten – von der römischen Antike bis in die Gegenwart. Hinzu kommt das mildere Klima, das Monumente und alte Häuser bewahrt. Die Vergangenheit ist hier stets lebendig. Und dank Initiativen wie der Fondation LUMA ist Arles heute ein globaler Ort künstlerischer Produktion. Es ist eine faszinierende Mischung aus Tradition und Innovation, aus Kulturerbe und Experiment.




Yves Delorme : „Maison Huit ist weit mehr als eine Galerie – es ist ein lebendiger Raum, in dem Geschichte und zeitgenössische Kreativität aufeinandertreffen.

Wie beeinflussen Architektur und Atmosphäre dieses Stadtpalais aus dem 18. Jahrhundert Ihre kuratorischen Entscheidungen und die Inszenierung der Werke?

Betrachten Sie das Haus als einen stillen Mitgestalter Ihrer künstlerischen Erzählung?“

Mein Ansatz ist eher Restaurierung als Renovierung. Dieses Haus vereint mehrere Jahrhunderte und Stile. Ich liebe seine Unvollkommenheiten: die unregelmäßigen Steinböden, die geheimnisvollen verborgenen Treppen, die knarrenden Fensterläden. Als Galerie bringt die Architektur natürlich Einschränkungen mit sich – Kamine, Holzvertäfelungen, dekorative Stuckarbeiten. Ich habe mich entschieden, diese Gegebenheiten bewusst einzubeziehen und niemals dem Modell des „White Cube“ zu folgen.

Der Ausstellungsraum integriert häufig auch Stücke aus meiner eigenen Möbelsammlung, sodass Besucher in bequemen Sesseln verweilen und die Werke beinahe wie zu Hause genießen können. Meine nächste Ausstellung mit José Manrubia, einem lokalen Künstler, der mit recycelten Materialien arbeitet, wird zudem ein wunderschönes napoleonisches Bett und eine Récamiere zeigen.

Besonders schön ist die Synergie zwischen Gästehaus und Galerie: Reisende werden oft zu Sammlern – und umgekehrt entscheiden sich Galeriebesucher, im Haus zu übernachten.




Yves Delorme : „Von der Restaurierung eines mittelalterlichen Schlosses in der Schweiz bis zur Organisation zeitgenössischer Fotografieausstellungen in Arles spannt Ihr Werdegang einen Dialog zwischen Denkmalpflege und moderner künstlerischer Ausdrucksform.
Sollten diese beiden Welten Ihrer Meinung nach stets miteinander in Resonanz treten? Wie kann zeitgenössische Kunst unser Verständnis der Vergangenheit bereichern?“


Mich interessieren zeitgenössische Künstler, die einen Dialog mit vergangenen Kunstbewegungen oder historischen Ereignissen schaffen. Sie zitieren, interpretieren neu und stellen die Vergangenheit manchmal infrage, während sie zeitlosen Themen wie Liebe, Verlust oder Identitätssuche neue Vitalität verleihen. Besonders schätze ich es, wenn alte Objekte oder Materialien in zeitgenössischen Werken wiederverwendet werden – sie erhalten eine neue Bedeutung und bewahren zugleich ihr historisches Gedächtnis.




Yves Delorme : „Welche Rolle hat der Künstler Ihrer Ansicht nach heute? Soll Kunst lediglich Schönheit widerspiegeln oder auch gesellschaftliche, politische und ökologische Fragen unserer Zeit thematisieren?“

Arles ist Gastgeber der Rencontres d’Arles, eines der bedeutendsten Fotofestivals weltweit. Die Fotografie war einer der Gründe, die mich hierhergeführt haben, und sie steht im Zentrum meiner Galeriearbeit. Ich zeige sowohl junge Positionen als auch renommierte Künstler – zuletzt etwa die legendäre australische Fotografin Alice Springs in Zusammenarbeit mit der Helmut Newton Stiftung in Berlin. Zunehmend gebe ich jedoch der dokumentarischen Fotografie Raum, insbesondere Projekten, die auf ökologische Herausforderungen aufmerksam machen. Für Sammler bedeutet es auch, Teil einer sinnstiftenden Bewegung zu sein, wenn sie in solche Ausstellungen investieren – einer Bewegung, die unser Verhältnis zur Natur und unsere Verantwortung für ihren Erhalt reflektiert.

Die Galerie Huit Arles ist kürzlich aktives Mitglied der „Gallery Climate Coalition“ geworden, was unter anderem die Analyse des CO₂-Fußabdrucks jeder Ausstellung einschließt.




Yves Delorme: „Maison Huit ist ein Ort, an dem Kunst, Gastfreundschaft und Austausch zusammenkommen. Was bedeutet für Sie persönlich ‚mit Kunst zu leben‘?

Und inwiefern beeinflusst unsere Art zu wohnen unsere Beziehung zur Kreativität und unseren Blick auf die Welt?“

Ich denke, Kunst – insbesondere die lokaler Künstler – kann die kulturelle Erzählung eines Ortes vermitteln und Besuchern eine tiefere Verbindung zu ihrem Reiseziel ermöglichen. Unser Residenzprogramm erlaubt es unseren Gästen zudem, die Künstler persönlich kennenzulernen. Im Sommer erweitern sich die Ausstellungsräume bis in die Cuisine Arlésienne, den Innenhof und manchmal sogar in die Gästezimmer. Ich glaube gern, dass Kunst in meinem Haus nicht nur an den Wänden hängt – sie wird auch zur Atmosphäre, zum gemeinsamen Essen und zum Austausch von Ideen.




Yves Delorme : „Sie sind Kundin von Yves Delorme, einer Marke, die Ihre Leidenschaft für Exzellenz, Handwerkskunst und den Erhalt von Tradition teilt. Was spricht Sie besonders an unseren Kreationen an? Und wie fügen sie sich in die elegante, zeitlose Atmosphäre von Maison Huit ein?“

Ich würde sagen: die subtilen Farben, die Texturen und natürlich die außergewöhnliche Qualität. Ich schätze die sorgfältige Recherche der Muster, die häufig historische Bezüge aufweisen. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Bio-Baumwollen, die minimalistische Verpackung und das Engagement für ökologische Nachhaltigkeit.

In Maison Huit Arles, wo jedes Zimmer seinen eigenen Charakter hat, weiß ich, dass die Kreationen von Yves Delorme sich sowohl in ein zeitgenössisches als auch in ein klassisches Ambiente harmonisch einfügen.





Hinweis: Dieses Interview wurde im Original auf Französisch geführt. Die deutsche Fassung wurde von uns übersetzt. Sehen Sie sich hier das vollständige Video auf YouTube an.