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Carmen Haid




Die in Österreich geborene Carmen Haid ist Kuratorin für Vintage-Stücke, Markenstrategieberaterin und Gründerin von Atelier Mayer, einer der ersten europäischen Plattformen für Luxus-Vintage. Nach ihrem Studium des Fashion Management am London College of Fashion begann sie ihre Karriere bei großen Modemarken: zunächst bei Yves Saint Laurent, dann bei British Vogue. Anschließend leitete sie als Head of Communications die Einführung von Celine im Vereinigten Königreich und wurde später Kommunikationsdirektorin bei Tommy Hilfiger.


2007 gründete sie atelier-mayer.com und entwickelte die Website zu einer internationalen Anlaufstelle für seltene Couture und außergewöhnliche Accessoires. Ihr Ansatz verbindet Kultur und Kreislaufdenken mit großem Respekt vor überliefertem Handwerk und einer tief verwurzelten Atelierkultur.

Heute umfasst Atelier Mayer auch Vintage-Objekte, Möbel, Inneneinrichtung und Gastlichkeit. Neben der Onlinepräsenz gibt es in Marrakesch einen Showroom, der nach Vereinbarung besucht werden kann. Mit ihren kuratorischen Projekten und ihrer Beratung vertritt Carmen Haid eine zeitgemäße Vorstellung von zirkulärem Luxus: Sie gründet auf Langlebigkeit, einem Gespür für Materialien und der Kunst, Gäste zu empfangen. Raum, Atmosphäre und Umgangsformen werden dabei Teil des kulturellen Erlebnisses.







Yves Delorme : „Ihre Beziehung zum Handwerk entstand sehr früh – durch die Schneiderei Ihrer Großmutter und eine Atelierethik, in der hohe Ansprüche und Sorgfalt zusammengehören. Wie hat diese Herkunft Ihre heutige Vorstellung von Luxus geprägt: als Kultur der Weitergabe, als Aufmerksamkeit für den handwerklichen Vorgang und als Sinn für Beständigkeit?“

„Meine ersten Lektionen über Luxus erhielt ich in der Schneiderei meiner Großmutter Klaudia in Österreich. Bei den Anproben hielt ich ein Nadelkissen in der Hand und erlebte die Rituale des Stoffs und des Handwerks. Von ihr lernte ich, dass wahrer Luxus etwas Persönliches ist: maßgefertigt und dazu bestimmt, weitergegeben zu werden.

Deshalb spreche ich bei Vintage von der ,Kunst der Mode‘ – von Stücken, die man bewahrt und schätzt und denen man durch Pflege, Reparatur und sorgsame Aufbewahrung ein neues Leben schenkt. Dieser Ateliergedanke, geprägt von einer Sensibilität, die der Wiener Secession nahesteht, hat die Identität von Atelier Mayer geformt: sein Emblem ebenso wie seinen Ansatz. Alles steht in der Tradition von Hand, Auge und Disziplin. Wenn ich bei Zustand, Materialien und Pflege anspruchsvoll bin, dann deshalb, weil Langlebigkeit schon bei der Gestaltung beginnt und nicht erst später hinzukommt. Von der Auswahl über die Bewahrung bis zur Weitergabe eines Stücks trägt jede Handlung zu seiner Zukunft bei.

Luxus entsteht im Atelier: Er ist persönlich, für einen Körper geschaffen und zur Weitergabe gedacht. Sorgfalt ist die Kunst, Schönheit Bestand zu verleihen. Das Atelier meiner Großmutter lehrte mich, dass Langlebigkeit kein Trend ist, sondern eine Technik: reparieren, bewahren und begleiten, damit Stücke Generationen überdauern. Wahrer Luxus bedeutet, etwas weiterzugeben – handwerkliches Können, Geschichten und Kleidungsstücke, die respektvoll von Hand zu Hand wandern.“




Yves Delorme : „Bevor Sie Ihre eigene Plattform gründeten, haben Sie entscheidende Phasen bei großen Modemarken miterlebt. Was haben Sie dort über Wert und Beständigkeit gelernt, und wie hat diese Erfahrung später Ihren kuratorischen Blick geprägt?“

„Die Arbeit in Modehäusern hat mein Gespür für Wert mit der Zeit geschärft. Bei Yves Saint Laurent erlebte ich sowohl Kontinuität als auch Wandel – von der Ära Monsieur Saint Laurents bis zum Übergang zur Gucci Group. Dort verstand ich, dass eine Vision die Saisons überdauert, wenn sie fest im Handwerk und in klaren Gestaltungsprinzipien verankert ist.

Die Einführung von Céline im Vereinigten Königreich an der Seite von Michael Kors lehrte mich Disziplin, die Kunst der Auswahl und ein Verständnis für Kleidung, die getragen wird und für das wirkliche Leben von Frauen gedacht ist. Bei Tommy Hilfiger lernte ich, in größeren Maßstäben und Systemen zu denken. In diesen Unternehmen erkennt man, was bleibt: der Schnitt, die Konstruktion und eine Erzählweise, die der Trägerin gerecht wird.

Diese Erfahrungen wurden zum Leitfaden meiner kuratorischen Arbeit. Ich wähle Stücke und Designerinnen und Designer aus, die Integrität und Modernität besitzen und deren Arbeit eine dauerhafte Struktur hat. Die Modehäuser haben mich gelehrt, dass Gestaltungsprinzipien, Schnitt und Disziplin die Zeit überdauern. Alles andere ist Styling.

Von Yves Saint Laurent bis Céline habe ich gelernt, kompromisslos auszuwählen und das zu behalten, was Struktur und eine klare Absicht besitzt. Weniger Ablenkung, mehr Präzision. Ein größerer Maßstab macht Wert sichtbar: Wenn ein Stück Wiederholung und Zeit standhält, besitzt es eine Seele, die es zu bewahren lohnt.“




Yves Delorme : „Atelier Mayer hat sich von seltener Couture zu einer breiteren Welt aus Objekten, Interieurs und Gastlichkeit entwickelt. Wie bewahren Sie einen inneren Zusammenhang und inhaltliche Tiefe, wenn Sie unterschiedliche Disziplinen, Kulturen und Orte miteinander verbinden?“

„Die Entwicklung von Atelier Mayer – von seltener Couture hin zu einer größeren Welt aus Objekten, Interieurs und Gastlichkeit – folgt weiterhin derselben gestalterischen Sprache: einem Gespür für Materialien, der Weitergabe handwerklichen Wissens und einem Sinn für den Ort. Das Zuhause wird zu unserem Labor. London, Marrakesch und Paris verweben sich darin durch handbearbeitetes Holz, Textilien und Anklänge an die Wiener Moderne. So wirkt das Ganze selbstverständlich statt beliebig zusammengestellt.

Als wir Atelier Mayer 2022 mit einem Showroom in Marrakesch neu aufstellten, nahm dieser Ansatz klarere Formen an: Wir suchen international nach Stücken, lassen vor Ort fertigen und stellen sie so zusammen, dass ein Stuhl, ein Glas und ein Kleid über Proportionen, Farben und Geschichten miteinander in Beziehung treten.

Meine Verwurzelung in der Tradition der Wiener Werkstätte – ihrer ganzheitlichen Vorstellung, die vom Objekt bis zur Atmosphäre reicht – hält die Auswahl anspruchsvoll und die Erzählung zusammen.

In Mode, Objekten und Interieurs folge ich derselben Grammatik: Gespür für Materialien und Sinn für den Ort. Ein Stuhl, ein Glas, ein Kleid – unterschiedliche Formen, aber ein einziges Gespräch über Proportion, Textur und Herkunft. Wir suchen weltweit und lassen vor Ort fertigen. Dann stellen wir alles so zusammen, dass es sich zu einem selbstverständlichen Ganzen fügt, ohne überladen zu wirken.“




Yves Delorme : „Inszenierung, Atmosphäre und die Kunst, Gäste zu empfangen, spielen in Ihrer Arbeit eine wesentliche Rolle – sowohl in physischen Räumen als auch im digitalen Umfeld. Warum sind Ihrer Ansicht nach der Rahmen, die Umgangsformen und eine bewusste Absicht heute unverzichtbar, um wirklich bedeutungsvolle kulturelle Erlebnisse zu schaffen?“

„Der Kontext ist wie die Couture: der Schnitt eines Kleidungsstücks, das Tempo einer Playlist, die Feinheit einer Einladung. Gute Umgangsformen sind ausgesprochen zeitgemäß: aufmerksame Antworten, Respekt vor der Privatsphäre und Telefone, die beiseitegelegt werden. Sie schaffen das Vertrauen, das Kultur braucht, um entstehen zu können. Ich liebe greifbare Aufmerksamkeiten wie handgeschriebene Platzkarten oder gedruckte Menüs, verbunden mit reibungsloser, unaufdringlicher Technik: Musik ohne Werbung, sorgfältig abgestimmtes Licht und einen späteren Beitrag statt einer Liveübertragung der privaten Momente anderer Menschen. Etikette ist nicht affektiert; sie ist Gestaltung im Dienst menschlicher Beziehungen. Wenn Atmosphäre, Absicht und Diskretion zusammenkommen, entspannen sich die Menschen. Dann werden Gespräche und Ideen unvergesslich.

Rahmen, Umgangsformen und Absicht sind die unsichtbaren Nähte, die kulturelle Momente zusammenhalten. Gute Manieren sind ein modernes Mittel für menschliche Verbindung: Sie schaffen das Vertrauen, das Kultur braucht. Atmosphäre gestaltet, wie wir Zeit erleben. Ist sie gut abgestimmt, können Ideen lebendig werden.“




Yves Delorme : „Yves Delorme steht in einer Tradition überlieferten Handwerks, eines besonderen Gespürs für Materialien und einer zeitgemäßen Vorstellung französischer Lebensart. Wie findet diese Philosophie Widerhall in Ihrem eigenen Ansatz für zirkulären Luxus, Interieurs und Räume, die Moden und Zeiten überdauern sollen?“

„Überliefertes Handwerk und ein Gespür für Materialien sind die Seele dessen, was Bestand hat. In meiner Welt bedeutet das, Naturfasern, makellose Verarbeitung und Stücke mit stiller Ausstrahlung zu bevorzugen. Vintage folgt damit der Idee eines zirkulären Luxus, der für mehrere Leben geschaffen ist.

In Innenräumen arbeite ich mit Textilien und Objekten, deren Herkunft spürbar ist: einer Patchworkdecke, handbemalten Fliesen oder geschnitzten Raumteilern. So sollen Räume wirken, als seien ihre Elemente mit der Zeit zusammengekommen, statt einfach dekoriert worden zu sein – ruhig, sinnlich und frei von Moden. Die Haltung dahinter ist klar: in Schönes und gut Gemachtes investieren, es pflegen und der Zeit erlauben, seine Anmut sichtbar zu machen. So werden Schlafzimmer zu Rückzugsorten, Tische zu Bühnen und Häuser zum elegantesten Erbe.

Die Lebensart von Yves Delorme fügt sich mit ihrer Verbundenheit zu Handwerk, natürlichen Materialien und einer ruhigen Gestaltung, die über Moden hinausreicht, ganz selbstverständlich in diese Vorstellung ein. Zirkulärer Luxus folgt einem einfachen, aber anspruchsvollen Prinzip: mit Bedacht wählen, behutsam pflegen und in Würde altern lassen. So werden Orte zu einem Erbe.
Räume haben Bestand, wenn Textilien Erinnerung und handwerkliche Arbeit in sich tragen. Alles Weitere beruht auf innerer Gewissheit.“

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